Was 550.000 offene Einträge über Deutschlands Datenlage verraten
13. September 2026 · Redaktion

In den offenen Daten, aus denen dieses Verzeichnis gebaut ist, stehen 552.745 Einträge aus 1.624 Städten. Beim Auswerten zeigt sich ein Muster, das nichts mit Wirtschaft zu tun hat: Betriebe, in die man hineingeht, sind nahezu vollständig erfasst. Betriebe, die man anruft, fehlen zu großen Teilen – und wo sie auftauchen, entscheidet nicht die Nachfrage, sondern ob sich vor Ort jemand die Mühe gemacht hat.
Dieser Beitrag ist eine Auswertung in eigener Sache. Wir betreiben ein Branchenverzeichnis, dessen Datengrundlage aus OpenStreetMap stammt – einer offenen, von Freiwilligen gepflegten Datenbank. Die Frage, wie vollständig diese Daten sind, entscheidet darüber, was man aus ihnen ablesen darf. Wir haben es gemessen, und das Ergebnis ist interessanter als die Karte, die wir ursprünglich zeichnen wollten.
Der Test: Berlin als Maßstab
Wenn ein Datenbestand die Wirklichkeit abbildet, muss Berlin in jeder Branche ungefähr denselben Anteil stellen wie an der Bevölkerung. In unserem Bestand leben in Berlin 3,78 der insgesamt 63,3 Millionen erfassten Einwohner – also 6,0 Prozent. Eine Branche, deren Berlin-Anteil deutlich darunter liegt, ist außerhalb Berlins nicht etwa häufiger. Sie ist in Berlin schlechter erfasst.
Das Bild ist eindeutig, und es zerfällt in zwei Gruppen. Restaurants, Friseure, Apotheken und Bäckereien liegen nahe am Erwartungswert – bei Restaurants mit 6,3 Prozent sogar darüber, was zu einer Großstadt passt. Handwerk und beratende Berufe liegen bei einem Drittel davon oder darunter. Schreiner erreichen 1,4 Prozent, also nicht einmal ein Viertel des zu erwartenden Werts.
| Branche | Einträge bundesweit | davon Berlin | Anteil |
|---|---|---|---|
| Restaurants | 68.225 | 4.321 | 6,3 % |
| Friseure | 29.619 | 1.674 | 5,7 % |
| Apotheken | 12.507 | 602 | 4,8 % |
| Bäckereien | 20.918 | 932 | 4,5 % |
| Steuerberater | 3.187 | 90 | 2,8 % |
| Autowerkstätten | 15.570 | 367 | 2,4 % |
| Elektriker | 2.506 | 54 | 2,2 % |
| Maler | 1.940 | 40 | 2,1 % |
| Dachdecker | 1.239 | 20 | 1,6 % |
| Schreiner | 2.422 | 33 | 1,4 % |
Euskirchen, heimliche Hauptstadt der Fliesenleger
Was passiert, wenn eine Branche schlecht erfasst ist, lässt sich an einem einzigen Ort ablesen. Euskirchen in Nordrhein-Westfalen hat rund 58.000 Einwohner, also 0,09 Prozent der erfassten Bevölkerung. In unserem Bestand steht Euskirchen:
- auf Platz 1 bei den Dachdeckern – 23 Einträge, vor Berlin mit 20
- auf Platz 1 bei den Fliesenlegern – 18 von bundesweit 596 Einträgen, also 3 Prozent aus einer Stadt mit 0,09 Prozent der Einwohner
- auf Platz 2 bei den Malern, vor Hamburg
- unter den ersten fünf bei den Elektrikern
Eine Kleinstadt, die bei vier fachlich unabhängigen Gewerken gleichzeitig an der Spitze steht, ist kein Handwerkscluster. Sie ist der Beweis, dass hier jemand gründlich kartiert hat – vermutlich ein einzelner Mensch, dem wir an dieser Stelle ausdrücklich danken. Für die Auswertung heißt es: Bei kleinen Branchen misst die Rangliste die Kartierungsarbeit, nicht die Wirtschaft.
Dasselbe Muster bei den Steuerberatern, wo Mannheim mit 105 Einträgen vor Berlin mit 90 liegt, oder bei den Schreinern, wo das oberbayerische Miesbach mit 11.000 Einwohnern unter den ersten acht steht.
Wenn ganze Berufsgruppen praktisch fehlen
Am unteren Ende wird aus der Verzerrung eine Lücke. Drei Beispiele aus unserem Bestand:
| Branche | Einträge bundesweit |
|---|---|
| Trockenbau | 195 |
| Schornsteinfeger | 79 |
| Ambulante Pflegedienste | 21 |
Die letzte Zahl lässt sich gegenrechnen: Das Statistische Bundesamt zählte Ende 2021 bundesweit 15.400 ambulante Pflegedienste. In den offenen Daten finden sich 21. Das sind 0,14 Prozent.
Bei den Schornsteinfegern liegt der Fall ähnlich: 79 Einträge für ein Gewerk, das per Gesetz flächendeckend organisiert ist und in jedem Kehrbezirk vorkommt. Niemand hat diese Betriebe versteckt – sie sind nur nie erfasst worden.
Warum ausgerechnet diese Berufe fehlen
OpenStreetMap wird von Menschen gepflegt, die ihre Umgebung abgehen und eintragen, was sie sehen. Dieses Prinzip erklärt das gesamte Muster:
- Ein Ladenlokal ist sichtbar. Bäckerei, Apotheke, Friseur – Schaufenster, Schild, Öffnungszeiten an der Tür. Wer vorbeigeht, kann alles eintragen, was gebraucht wird.
- Ein Handwerksbetrieb ist es nicht. Der Dachdecker sitzt im Gewerbegebiet hinter einem Zaun, der Schreiner in einer Werkstatt am Ortsrand, der Steuerberater im zweiten Stock eines Wohnhauses. Es gibt nichts zu sehen und nichts abzuschreiben.
- Ein Pflegedienst hat gar keine Adresse im üblichen Sinn. Die Arbeit findet bei den Kunden statt; das Büro ist ein Büro.
Offene Geodaten bilden damit systematisch den sichtbaren Teil der Wirtschaft ab. Das ist keine Schwäche des Projekts, sondern die logische Folge seiner Methode – man kann nicht kartieren, was man nicht sieht.
Wie vollständig sind die Einträge selbst?
Die zweite Frage betrifft nicht die Zahl der Betriebe, sondern das, was zu jedem einzelnen bekannt ist. Über alle 552.745 Einträge hinweg:
| Angabe vorhanden | Anteil |
|---|---|
| Straße und Hausnummer | 69 % |
| Öffnungszeiten | 53 % |
| Website | 46 % |
| Telefonnummer | 44 % |
Dass ausgerechnet die Telefonnummer am seltensten vorliegt, ist bemerkenswert: Sie ist die Angabe, die Suchende am dringendsten brauchen, und zugleich die, die man einem Gebäude von außen nicht ansieht. Die Adresse kann man ablaufen, die Öffnungszeiten stehen an der Tür – die Telefonnummer muss jemand aus einer anderen Quelle abschreiben.
Was das für dieses Verzeichnis heißt
Wir könnten an dieser Stelle 552.745 Einträge als Vollständigkeit verkaufen. Das wäre bequem und falsch. Richtig ist:
- Bei Gastronomie, Handel und Gesundheitsversorgung ist die Liste belastbar. Wer hier keinen Treffer findet, findet meist auch keinen Betrieb.
- Bei Handwerk und beratenden Berufen ist die Liste ein Anfang, keine Vollzähligkeit. Dass in Ihrer Stadt nur drei Dachdecker stehen, heißt nicht, dass es nur drei gibt.
- Ranglisten nach Anzahl sagen bei kleinen Branchen nichts über die Wirtschaft. Wir haben eine solche Auswertung deshalb verworfen, statt sie zu veröffentlichen.
Deshalb kann jeder Betrieb sich hier kostenlos selbst eintragen – und deshalb steht auf jeder Eintragsseite, woher die Angaben stammen. Ein Verzeichnis, das seine eigenen Lücken kennt und benennt, ist am Ende nützlicher als eines, das Vollständigkeit behauptet.
Methodik
Ausgewertet wurde der komplette Datenbestand von wo-wer-was.de mit Stand September 2026: 552.745 veröffentlichte Einträge, davon 520.153 Betriebe und 32.592 öffentliche Stellen, verteilt auf 1.624 Städte und Gemeinden ab 10.000 Einwohnern mit zusammen 63,3 Millionen Einwohnern. Die Daten stammen aus OpenStreetMap (ODbL) und wurden über die Overpass-Schnittstelle abgerufen, begrenzt auf das Gebiet der Bundesrepublik.
Der Berlin-Anteil je Branche ist der Quotient aus Einträgen in Berlin und Einträgen bundesweit. Als Erwartungswert dient Berlins Anteil an der Bevölkerung aller erfassten Städte, 3.782.202 von 63.334.768 Einwohnern, also 5,97 Prozent. Die Kennzahl ist bewusst grob: Sie setzt voraus, dass Betriebe ungefähr der Bevölkerung folgen, was für Grundversorgung gut und für Spezialgewerbe nur näherungsweise gilt. Für die hier gezogenen Schlüsse – Abweichungen um den Faktor drei bis vier – ist sie robust genug.
Häufige Fragen
Sind offene Daten also unbrauchbar?
Im Gegenteil – man muss nur wissen, wofür. Für Gastronomie, Einzelhandel, Apotheken und Ärzte sind sie belastbar und kostenlos, wo kommerzielle Anbieter Geld verlangen. Für Handwerk und freie Berufe eignen sie sich als Ausgangspunkt, nicht als Vollerhebung. Der Fehler liegt nie in den Daten, sondern darin, sie für etwas anderes zu halten, als sie sind.
Warum nehmt ihr nicht einfach vollständigere Daten?
Weil es sie öffentlich nicht gibt. Das Handelsregister kennt keine Branchenzuordnung im hier nötigen Sinn, die Handwerksrollen liegen bei den Kammern und sind nicht frei abrufbar, und kommerzielle Adressdatenbanken sind lizenzpflichtig und ihrerseits lückenhaft. Offene Daten plus Selbsteintragung ist der gangbare Weg.
Kann ich die Auswertung nachvollziehen?
Die Rohdaten stammen aus OpenStreetMap und stehen unter der Open Database License jedem offen. Die Branchenzahlen lassen sich auf den Branchenseiten dieses Portals nachzählen, die Berlin-Werte auf den jeweiligen Stadtseiten. Wer die Auswertung nachbauen will, braucht nur die Overpass-Schnittstelle und etwas Geduld.
Warum ist Berlin der Maßstab und nicht München oder Hamburg?
Weil Berlin mit Abstand die größte Fallzahl liefert und Zufallsschwankungen dadurch am kleinsten sind. Die Rechnung funktioniert mit Hamburg und München genauso, nur mit größerer Streuung bei den kleinen Branchen – dort geht es teils um zweistellige Eintragszahlen.
Was wäre nötig, damit die Lücken kleiner werden?
Zwei Dinge. Betriebe, die sich selbst eintragen – in offene Datenbanken ebenso wie in Verzeichnisse. Und Kartierende, die sich einmal nicht die Fußgängerzone vornehmen, sondern das Gewerbegebiet am Ortsrand. Die Lücke sitzt sehr genau dort.
Quellen
- Eigene Auswertung des Datenbestands von wo-wer-was.de, Stand September 2026
- Statistisches Bundesamt, ambulante Pflegedienste in Deutschland
- OpenStreetMap, Lizenz und Datenherkunft (ODbL)
- Zum Nachzählen: alle Branchen im Verzeichnis und Quellen und Methodik
Kategorien: Standort Deutschland
